Meine Mutter meinte letztens, ich solle den Fleck an der Wand mit Tipp-Ex bekämpfen. Hilft wohl. Als ich daraufhin erwiderte, dass ich so ein Wunderzeug gar nicht mal besitze, schaute sie mich nur schockiert an und fragte, ob ich denn gedenke, das so zu lassen.
In der Tat. Bleibt so.
Warum sollte man die Dinge auch übermalen (oder korrigieren, das wird wohl der offizielle Tipp-Ex-Jargon sein, den man sich beim morgendlichen Meeting gutgelaunt bei Kaffee und Kaffee zuraunt), die einen zeichnen? Ich meine, ich lass mir ja auch nicht irgendwelche Narben weg operieren, nur weil sie aussehen, wie Miniaturausgaben von Bockwürsten auf meinem Bauch. Irgendein Held hat vor Urzeiten verlauten lassen, dass das, was uns nicht tötet, nur härter macht, oder? Und wenn das in dem Falle stimmt, dann doch wohl mindestens für meine tolle Wand, die irgendwer vor mir perfekt weiß gestrichen und die jemand noch perfekteres nun gezeichnet hat.
Wie dem auch sei. Jetzt ist es rum mit der weißen Herrlichkeit.
Wenn man genau hinschaut, dann meint man drei Finger erkennen zu können. Dort, wo die unbefleckte Leere noch vor ein paar Wochen war. Mit viel Phantasie geht das auch als Eddingkratzer durch, meinetwegen auch als Model des San Andreas Graben – mich interessiert es nicht. Ich sehe darin, was ich mag. Und das kann mir keiner nehmen. Weder Muttern, kein Tipp-Ex, nicht einmal ein plötzliches Erdbeben, das diese Bruchbude hier in ihre Bestandteile auflösen würde. Spuren löst man eben nicht einfach so auf. Die bleiben.
Und mit der Wand ist es ebenso, wie mit meinen Gefühlen. Schmier da was hin, kratze es meinetwegen rein, schieße, zerstöre, zerfetze oder brenne, was immer Dir gefällt. Solange Du es bist, die es macht und keine Maske dessen, was ich gerne sehen will. Wenn man erst einmal so weit gekommen ist, dass man nicht mehr die Lügen hören möchte, die man sich am Anfang mit Schamesröte im Gesicht auftischt, dann zählt nur noch das, was Spuren hinterlässt. So oder so.
Wer perfekt sein will, ohne Spuren, hat von Anfang an verloren. Wenn die Welt es schon nicht ist, wie soll es dann ein Mensch sein, der doch letztlich nur das Produkt aus all der Scheiße ist, die ihn umgibt? Wenn der Regen fällt, wäscht er ohnehin alles wieder weg.
Nur nicht die Spuren in meiner Wand. Das habe ich schon getestet.
Du bist ein schlechter Mensch? Feigling, Lügner, Jungfrau, Arschloch? Sei es. Lebe es aus und schreie all das mit Inbrunst hinaus in die Welt, was sie nicht hören will, ich hingegen schon. Sei das und viel weniger, tue weniger als sie erwarten und mehr als sie befürchten. Hinterlasse Spuren. Lebe. Mehr und mehr und mehr. Sei ein Mensch. Aber sei es in aller Konsequenz, bis man dich verachtet, auslacht oder meidet, denn dann liebe ich Dich.
Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...
2010/10/20
A vampire or a victim, it depends on who's around
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