Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...

2010/04/23

Die Welt zu Gast bei Dilettanten

Jetzt ist die Saison fast gelaufen und die ganze Welt schielt schon mit einem Auge nach Südafrika. Man merkt das ja sogar an der Werbung. Da gibt es schlechte Clips: Volkswagen zum Beispiel. Unfreiwillig komisch mit mies animiertem Rudi Völler, Gerd Müller und einem aus dem Grab gestiegenen Fritz Walter. Wirkt ein bisschen so, als hätte der Schülerpraktikant mal mit Final Cut spielen dürfen. Richtig grauenhaft geht es aber auch. Gewohnheitsmäßig kann man sich da auf Bitburger verlassen. Das „offizielle Bier“ der deutschen Nationalmannschaft schafft es immer wieder mit schon fast lachhaftem, massentauglichen Bierlaunenpatriotismus zu erheitern. Dass dann am Ende des Clips ausgerechnet Mario Gomez den Ball per Kopf ins Tor befördert, ist da nur die Spitze der Lächerlichkeit, abgesehen davon, dass die ganze Sache ziemlich fatal an die Werbung von 2008 erinnert. Resteverwertung? Erstaunlicherweise schafft es Coca Cola hingegen, einen durchaus stimmigen Clip zur WM über den Äther zu schicken. Eigentlich stehe ich nicht so auf den Retrostyle, aber in Kombination mit der Musik, machen die Torjubel vergangener Weltmeisterschaften (herrlich: das Eckfahnengetanze Kameruns bei der Italia 1990!) wirklich Spaß und stimmen auf das ein, was man hoffentlich im Sommer auch in Südafrika zu sehen bekommt. Nämlich Leidenschaft, Freude, einen Monat Fieber. Zumindest so lange, bis die eigene Mannschaft mit hängenden Köpfen die Heimreise antritt. Dann heißt es, willkommen Tristesse.

Eigentlich stehe ich ja nicht so auf Weltmeisterschaften. Die Idee dahinter ist genial, keine Frage. Die besten Teams der Welt messen sich einen Monat lang miteinander und am Ende steht dann der Beste der Besten. So viel in der Theorie. Die Freude wird hingegen durch einige, kleine Nadelstiche regelmäßig geschmälert. Punkt eins:
Wenn man die WM in Deutschland verfolgt, kriegt man in meinem Fall schnell Probleme. Dass sich meine Sympathie für die deutsche Elf in Grenzen hält, wissen manche, trotzdem fiebere ich natürlich mit ihnen im Verlauf des Turniers. Aber eigentlich gehört meine Treue den Three Lions, der englischen Auswahl. Das hat viele Gründe, die ein wenig müßig wären, hier aufzuzählen, deshalb belassen wir es dabei, dass ich sie unterstütze und Punkt. Wenn das Achtelfinale zufällig Deutschland – England heißen wird, weiß ich hingegen, für wen ich halte. Leider Gottes wird das hier in good old Germany wenig bis gar nicht akzeptiert. Ich erinnere mich noch an die WM 2006 und die Reaktionen auf mein rotes Auswärtstrikot mit den drei Löwen, bei denen man glatt denken konnte, ich trug das Leibchen der Al-Qaida Weltauswahl am Körper. Dumme Blicke waren da noch die harmlosesten Ereignisse. Woher diese Anfeindungen zwischen Engländern und Deutschen kommen, habe ich noch nie so ganz verstanden. Da lasse ich dann auch nicht den gerne zitierten Krieg gelten, denn den haben die meisten von uns ohnehin nicht mehr erlebt, ganz zu schweigen davon, dass einige nicht einmal genau sagen könnten, wann der überhaupt stattfand. Jesus Christus wurde doch irgendwann Ostern im achtzehnten Jahrhundert geboren, oder?
Man hat es also nicht leicht, wenn man nicht unbedingt bedingungslos für sein Heimatland hält. Macht aber trotzdem Spaß. Irgendwie. Perverserweise.

Kommen wir zum zweiten Punkt. Sobald eine Welt- oder Europameisterschaft ansteht, finden komischerweise alle Fußball-Legastheniker den Weg zum „Public Viewing“ (ich erspare mir jetzt das Geflenne, dass dieses unsägliche Wort eigentlich völlig bescheuert und unpassend ist, weil es im Englischen so viel wie „öffentliche Aufbahrung“ heißt …). Theoretisch ist daran ja nichts Falsches, ist so ein Turnier doch im besten Falle eine prima Werbung für den Fußball an sich. Es könnte alles so harmonisch sein, fast wie in der Bitburger-Werbung, wenn, ja wenn sich diese Fans nicht verhalten würden, als hätten sie den Fußball schon mit der Muttermilch aufgesaugt. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich kenne Frauen, die haben unheimlichen Spaß an solchen Turnieren und gehen wirklich mit, sobald der Ball rollt. Und das finde ich toll, richtig genial! ABER:
Dialog. So in der Art stattgefunden anno 2006.
Ich: Podolski, mach den, verflucht!
Sie: Der ist doch ohnehin doof.
Ich: Wieso?
Sie: Der ist total blöde im Kopf.
Ich: Er spielt Fußball. Was interessiert mich, wie intelligent der ist.
Sie (beleidigt): Ich find den doof.
Ich: Und wie oft hast du ihn bis heute gesehen?
Sie: Ja, bei der WM eben.
Ich: Aha.
Dann wurde das Gespräch unterbrochen. Von Lukas Podolski und dem Geschrei der Massen. Auch die besagte Dame trug ihren Teil dazu bei, den Treffer des Kölners zu bejubeln.
Der doofe Fußballer. Soll er doch mal die Abendschule besuchen.
Was ich damit sagen will: Ich hasse es, wenn Leute zur WM gehen, rummaulen, die Spieler und Teams abstempeln, weil ihnen das 1live mit recht unlustigen Comedy-Shows so vorspielen, sich aber gleichzeitig für ganz prima Fußballfans halten. Alle zwei Jahre schauen sie sich Länderspiele an, aber eigentlich könnten da auf der Leinwand auch Hunderennen flimmern, denn es geht nicht um den Fußball an sich, um die Faszination aus Siegen, Niederlagen, Kampf und Drama, um die Schönheit und Abartigkeit des Spiels, sondern um den Hype, der darum gemacht wird. Das größte Turnier der Welt mutiert zu einer Art Loveparade ohne Bass. Gepaart mit diesem Hurra-Patriotismus, den man alle zwei Jahre mal aus der Mottenkiste kramen kann, ist das für einen wirklichen Fußballfreund nicht unbedingt die Erfüllung aller Träume.
Ich kenne ganz ernsthaft Fans, die meiden solche Meisterschaften aus eben genau diesen Gründen. Okay, die finden es auch besser, mit dem FC nach Koblenz in der zweiten Liga zu gurken, statt in der Allianz Arena gegen die Bayern anzutreten, aber im Kern haben sie Recht.
Vergesst all die Bitburger-Clips, Kerners, Klopps, Gewinnspiele, öffentlichen Aufbahrungen oder Podolskis Bildungsstand und erfreut euch lieber daran, was die Jungs aus aller Herren Länder da aufs Grün zaubern. Und wenn euch einer der Spieler besonders gefällt, dann bemüht doch einfach das Internet und schaut, wo er spielt, wenn nicht gerade Volkswagen das neue Team Sondermodell vorstellt. Vielleicht ist das ja die Tür zu noch viel mehr Freude (oder Leid, je nachdem), als so eine Weltmeisterschaft jemals bieten kann.

Keine Kommentare: