Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...

2010/04/12

don't look back in anger

Als die Tür ins Schloss fiel, tat sie das nicht mit lautem Getöse, wie man sich das sonst so vorstellt. Es war wenn überhaupt ein vollkommen vernachlässigbares Geräusch, kaum mehr als das Klicken der Mechanik.
Er stand in der Dunkelheit des Hausflurs. Nicht weil er keine Ahnung hatte, wo sich der Lichtschalter befand (so wie der leuchtete, konnte man schwer daran vorbei schauen), sondern weil er es so wollte. Für den heimlichen Abgang brauchte er kein Licht, den Weg kannte er blind. Deshalb ging er auch ohne großes Zögern die Treppen hinunter, drehte sich nicht um, bis er die Tür des Mietshauses erreichte. Dort zog er den Gurt seiner Notebooktasche in eine andere Position, hielt inne. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, als er das kalte Metall des Griffes in der Hand spürte, aber das einzige, was er dabei dachte, war, dass es ein ganz schön beschissen leichtes Gepäck für so einen Abgang war. Und dass ihr Brief in seiner Hand um einiges schwerer wirkte als die Tasche.
Draußen trat er in die letzten kleinen Pfützen eines Frühlingsregens vom Mittag. Noch lag eine Kühle in der Luft, die mehr an Winter, denn an Sommer erinnerte, aber ihn störte das nicht. Vor einigen Tagen erst hatte er das Ende der dummen kalten Jahreszeit gerochen, selbst wenn jetzt von dieser Erinnerung kaum etwas geblieben war. Einige Dinge traten auch ohne sein Zutun in den Hintergrund.
Einen Fuß vor den anderen, das war es, was er jetzt brauchte.
Erst nach drei Schritten drehte er sich noch einmal halb um. Im rötlichen Spot einer teilnahmslosen Straßenlaterne wirkte das Haus überraschend friedlich. Kein Zeichen von all den Verletzungen, zerbrochenen Träumen und harten Landungen in der Realität. Nur Stille und rot. Und Ende. Er steckte den Brief in die Umhängetasche.
Einen Fuß vor den anderen.

Sein Weg war wahllos. Hierhin und dorthin, ohne auch nur ansatzweise so etwas wie ein Ziel am Ende der Marschierei. Irgendwann kam er an einer der unzähligen Studentenkneipen in der Innenstadt vorbei, entschied kurzfristig, genau da ein Bier zu trinken. Einfach nur, weil er es konnte und es niemanden interessierte, wie lange es werden würde, was passierte oder wie das Bier schmeckte. Gleichgültigkeit kann hin und wieder tatsächlich ein wahrer Segen sein.
Es wurden drei Bier ohne Gespräche. Die Notebooktasche eng an sich geklammert, noch immer im leichten Sakko, lehnte er an einem der Stehtische, beobachtete, ließ die Dinge geschehen. Ihn kümmerte es nicht einmal, dass er anscheinend der einzige Idiot war, der völlig alleine herumstand und trank.
Danach lief er einen Imbiss an, bestellte den Döner mit extra Tsatsiki und Zwiebeln. Es würde sich ja niemand deswegen beschweren, das Fenster aufreißen oder ihn Milch trinken lassen. Von den Blähungen ganz abgesehen. Wenn man in den Wind scheißt, ging es ihm durch den Kopf, kommt es eben nur darauf an, von wo er weht und nicht, wie das Endprodukt riecht.

Langsam machte die Nacht Feierabend. Ihn passierten zwar noch einige wenige Betrunkene und andere verlorene Seelen, aber die immer mehr zunehmende Stille gefiel ihm jede Minute besser. Irgendwann einmal hatte er festgestellt, dass es eine ganz bestimmte Zeitspanne zwischen Nacht und Morgen gibt, in der es einfach nur ruhig ist. Noch keine Vögel, meistens keine Autos, wenige Menschen. Er hatte das immer als den idealen Zeitpunkt für einen Einfall der Russen gehalten, aber nie eine eMail an den Kreml geschickt. So ist das eben mit verpassten Chancen. Nur heute nicht. Als er diesen Zeitpunkt diesmal erlebte, alleine, ohne den Druck nachhause kommen zu müssen oder den Bus zu kriegen, als er bemerkte, wie jemand einfach so auf stumm geschaltet hatte, da tat er das, was er schon damals eigentlich machen wollte:
Er setzte sich hin und hielt die Schnauze.
Genau neben die Straße, angelehnt an das Bushaltestellenhäuschen, nicht weit von einem erstaunlichen Haufen Erbrochenem entfernt. Ihn kümmerte es nicht. Weder die Kälte an seinem Hintern, noch der Gestank neben ihm. Es war ihm egal, ob zufällig vorbei kommende Leute ihn für einen Penner hielten oder er sich lächerlich machte. Für ihn ging es nicht um Außenwirkung oder irgendwem zu gefallen (Bezüglicherweise: nicht zu gefallen), sondern nur darum, den Moment nicht noch einmal zu verpassen. Das hatte er nur allzu oft getan. Diesmal nicht.
Es brachte ihm letztlich keine neue Weisheit. Kein Geistesblitz, keine Ideen, die unbedingt umgesetzt werden mussten. Lediglich eine nicht verpasste Chance zur Abwechslung.
Obwohl …

Der Weg zum Bahnhof war nicht sonderlich weit. Er war ihn oft gegangen, um Orte zu besuchen, die ihm die Illusion gaben, er würde Neues entdecken, dabei hatte er sich immer in förmlicher Spuckreichweite zu seinem angeblichen Zuhause befunden. Ständig diese Besuche in Städten, ohne wirklich etwas mitgenommen zu haben. Tagestouren. Eine Verschwendung in seinem Fall. Er war nie wirklich bereit gewesen, irgendetwas mitzunehmen, das über schlechte Laune, verworrene Hoffnungen und eine leichtere Brieftasche hinausgingen. Eine wirkliche Erklärung hatte er nicht dafür. Eventuell war er ja nie wirklich frei gewesen, zumindest vom Kopf her, oder ihn hatte das Erwachsenwerden erst jetzt durch einen dummen Zufall mitten ins Gesicht getroffen, als er die Tür hinter sich zugezogen hatte. Er war bisher wie ein Kind gewesen, das man mit zu vielen Eindrücken überschüttete und gleichzeitig darauf hoffte, es würde etwas bringen. Damit war jetzt Schluss. Er wusste es.
Und Ende.
Er hatte die Schnauze von den Fragen voll. Er wollte sie nicht mehr stellen. Er wollte auch nicht mehr auf die Antworten hoffen, die ohnehin nie kamen, weil er blind und taub durch die Welt irrte. Es ging gar nicht mehr um Fragen und Antworten.

Das MacBook in seiner Tasche wurde durch zwei Unterhosen und ein Shirt ziemlich gut gepolstert, das Buch und seine Zahnbürste durch Socken ebenso. Er hatte keinen Schimmer, wie lange er mit diesen wenigen Sachen klar kommen würde, aber das war ein Problem, mit dem er sich auseinander setzen konnte, wenn es soweit wäre. Wie er ja festgestellt hatte, passierten manche Dinge auch ohne sein Zutun.
Am Bahnhof hob er in den ersten grauen Schleiern des Tages einen kläglichen Rest Geld von seinem Konto ab. Nicht unbedingt genug, um damit große Schritte zu tun, aber für ein paar sollte es reichen. Keine Fragen mehr.
Nicht einmal, warum Sie ohne jeden Groll in seinem Kopf war, als der Zug Richtung Paris einrollte und er mit einem einfachen Fahrschein einstieg. Einen Fuß vor den anderen.
Er ging nicht alleine. Vielleicht würde er irgendwann einen Brief schreiben.

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