Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...

2010/04/06

Spottschau

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, über die Schmach gegen Berlin zu schreiben, dann aber gewann der Hinterhalt an Karfreitag in Afghanistan, bei dem drei Fallschirmjäger der Bundeswehr fielen, den Wettstreit für das nächste Thema. Ich will nicht anfangen, beide Ereignisse miteinander zu vergleichen, denn (da muss ich dem großen Bill Shankly widersprechen, auch wenn es mir in der Seele weh tut, manchmal sind andere Dinge nämlich sehr viel ernster als Spiele, in denen es um Leben und Tod geht) wenn junge Männer in dem Dreckloch da drüben draufgehen, ist das um einiges bedeutender, erschütternder und trauriger als jede Niederlage, die sich der FC wie sooft selbst zufügen könnte. Dabei bin ich in der Hinsicht ein übler Realist (kommt nicht oft vor):
In Afghanistan herrscht Krieg, unsere Jungs und Mädels sind Teil davon und da kommt es nun einmal vor, dass Soldaten sterben. Das ist seit Menschengedenken so, auch wenn findige Politiker in unseren Tagen auf die Idee kommen, eine Unterteilung zwischen Krieg, Krisengebiet, humanitären Aufträgen und was weiß ich nicht zu ziehen. Letztlich ist das alles nur dummes Gewäsch, das man einer Öffentlichkeit verkaufen will, die die letzten Jahrzehnte von Leuten erzogen (indoktriniert?) wurden, die zwar lauthals „nie wieder Krieg“ schreien können, aber ansonsten noch keine andere Weisheit fanden. Man setzt sich ungern damit auseinander, was in Afghanistan passiert. Zumindest in der Mitte der Gesellschaft. Der linke und rechte Rand hat da anscheinend keine großen Probleme mit, wobei es immer wieder verwunderlich ist, wie ähnlich das Gekreische der PDS (ups, LINKE) und der NPD klingt. ABZIEHEN wird da gerufen, was danach kommt, ist ja erstmal wurscht. Das nenne ich mal eine wirklich „gelungene“ politische Koalition über alle Grenzen hinweg. Wäre das Thema nicht so ernst, ich könnte mich glatt drüber amüsieren.

Ich sagte, man setzt nicht gerne mit Afghanistan auseinander, dabei stimmt das nicht ganz. ÜBER Afghanistan und den Einsatz wird gerne und oft berichtet, manchmal mit erschreckenden Qualitätsunterschieden. Es ist müßig, jetzt eine Beurteilung der medialen Berichterstattung anzufangen, deswegen spare ich mir das direkt. Ruft man sich allerdings rückblickend die Ereignisse des letzten Septembers vor Augen, als Oberst Klein einen Luftschlag auf entführte Tanklaster in der Nähe von Kundus anforderte, kann man leicht glauben, er hätte das nicht in einem Kriegsgebiet, sondern irgendwo in Niederbayern getan, mit solch einer staunenden, unerwarteten Reaktion wurde man hier überhäuft. Mir kam es damals oft so vor, als sei gar nicht die Frage von Bedeutung, wen man da angegriffen hat, sondern, dass man es überhaupt tat. Frei nach dem Motto, was erdreistet sich das Militär, jemanden zu töten. Wie konnte das passieren? Wer ist schuld?
Natürlich soll man so einen Einsatz kritisch hinterfragen (und es steht außer Frage, dass bei dem Luftangriff einige viele Menschen ihr Leben verloren), aber in so einem Falle leisten die leiseren Töne vielleicht den besseren Dienst. Die aber kamen von der Presse kaum bis gar nicht. Und so hat die deutsche Öffentlichkeit es geschluckt, Oberst Klein ist medial überfahren worden. Wen interessiert es da noch, dass man eine genaue Unterscheidung zwischen Zivilisten (Bärte), Insurgents (manchmal noch längere Bärte) und Taliban (Bärte plus Sturmgewehr) nur schwer fällen kann, dass das große Problem da unten eben darin besteht, keinen eindeutigen Feind zu haben, der in den frühen Morgenstunden aus dem Osten eingefallen ist. In Afghanistan wird gerne gewunken, wenn man vorbei fährt. Das Problem daran ist nur, dass man nie genau weiß, wer weiter winkt und wer eine Sprengfalle auslöst, sobald man in ihm Rücken hat. Auf so etwas bereitet einen niemand vor.

Man könnte leicht annehmen, ich sei ebenfalls für einen Abzug aus Afghanistan (in das uns bekanntlich ja nur der böse Ami gebracht hat, das imperialistische Schwein!), weil unsere Truppen anscheinend überfordert und nicht für den Einsatz geeignet sind. Vielleicht wäre es sogar das Beste, ja. Vielleicht haben wir da unten tatsächlich nichts verloren und sollten unsere Todesfälle innerhalb der Truppe lieber wieder den Panzerfahrschulen oder Rekruten bei der Schießausbildung überlassen. Vielleicht sollten wir Afghanistan den Afghanen überlassen und aus der Distanz zuschauen, was passiert. Wen interessiert es schon, ob in diesem Loch Frauen gesteinigt, Menschen verfolgt und getötet werden, wenn doch am Samstagnachmittag Schalke gegen Bayern spielt und das Bier im Kühlschrank vor sich hin friert. Vielleicht sollten wir Nazinachkommen tatsächlich keinen Krieg führen (oder daran teilnehmen), weil wir bestimmt irgendein obskures Mördergen in uns haben und anderen Ländern die Drecksarbeit überlassen.
Aber vielleicht, auch nur vielleicht, wären wir gut beraten, einmal denen Gehör zu schenken, die das Ganze ausbaden müssen. Den Männern und Frauen der Streitkräfte, die über Monate von denen und dem getrennt sind, was ihnen lieb und teuer ist. Die jeden Tag rausgehen, ohne auch nur den Hauch einer größeren Akzeptanz zuhause im Rücken, dafür aber mit eventuellen juristischen Konsequenzen, wenn sie so dumm sind, auf jemanden zu schießen und einer Gruppierung von gehirnamputierten Spinnern, die laut eigener Aussage jeden gefallenen deutschen Soldaten mit Schampus am Ehrenmal der Bundeswehr begießen wollen (glaubt ihr nicht? Ich auch nicht. Leider sieht die Realität so aus: www.bamm.de).
Den Soldaten hört komischerweise kaum jemand zu, wenn die meisten von ihnen sagen, wir wollen eben nicht abziehen, sondern den Job zu ende bringen. VIELLEICHT wäre es schlau, zur Abwechslung einmal denen zu zuhören, die vor Ort sind, egal wie man zu dem Einsatz als solchem steht. VIELLEICHT ist es eben genau jetzt an der Zeit, nicht auf alles zu scheißen, was sich nicht innerhalb unserer Grenzen abspielt. Die sind heutzutage nämlich nur noch für den Atlas in der Schule gut.

Man mag es kaum glauben, aber die da unten schauen auch die Sportschau am Samstag, selbst wenn das Bier reglementiert ist. Sie sind wir. Nur leider die meisten von uns nicht sie.

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