Gedankenexperiment:
Nehmen wir an, es gäbe keine Eifersucht. Und nehmen wir gleichzeitig an, Verlustängste oder Besitzansprüche gehörten der Vergangenheit an. Alle würden die Dinge einfach geschehen lassen (Tyler Durden würde es ‚let the chips fall where they are’ nennen). Keine Eheszenen mehr, weil eine Telefonnummer auf der Rechnung erscheint, die die Frau nicht kennt, keine Prügeleien mehr in Clubs, weil zu eng getanzt wurde. Niemand würde mehr zum Alkoholiker mutieren, wenn er seine Partnerin im Bett mit einem anderen Mann erwischte, weil der Skatclub wegen Krankheitsfällen ausfiel und die nüchterne Heimkehr zu früh ausfiel. Und spinnen wir die Sache noch weiter – Putin würde sich nicht mehr daran erinnern, wo Süd-Ossetien überhaupt liegt, keine Taliban, keine Bombardements von irgendwas. Wir würden gelassen durch die Welt tänzeln und die Linken wären arbeitslos, weil niemand mehr dem anderen die zweihundert Flocken mehr im Monat neidet. Wäre das nicht eine bessere Welt?
Ich frage mich, wie der Tagesablauf des durchschnittlichen Mittzwanzigers dann aussähe. Morgens raus, ab unter die Dusche und rein in die Klamotten. Zur Arbeit (oder eben nicht. Uni, Praktikum, tauscht es aus), arbeiten, arbeiten, arbeiten. Denken, ja, aber nur zielgerichtet, kein Abschweifen mehr. Nach Feierabend geht es zurück nachhause. Es gibt Essen, die Tagesschau, ein Feierabendbier. Routinesex. Kinder, Cord-Jacket, Haus, Hund, die schlimme Kurzhaarfrisur der frischgebackenen Mama … alles nimmt seinen Lauf.
Moment! werden die meisten schreien. Da fehlen aber noch ein paar Dinge, junger Mann! Was ist mit Parties, dem ersten mühevollen Werben um die große Unbekannte, das Blumenbesorgen, obwohl man nur mithilfe eines Pflanzenbestimmungsbuches den Unterschied zwischen Rose und Nelke erkennt? Der erste Kuss, so zart und neu, dass man Angst hat zu versagen und als Idiot dazustehen, der das Küssen erst auf der Uni gelernt hat (die man erst seit zwei Wochen besucht, womit sich die Kenntnisse dann arg in Grenzen halten). Gemeinsame Pläne, leidenschaftlich geschmiedet und meistens später sowieso an die Wand gefahren. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich die zitternden Hände am Schwangerschaftstest vergesse, kurz bevor sich entscheidet, ob Abby ein Wunschtraum bleibt oder teure Realität wird. Schreit es heraus: Wo bleiben all die emotionalen, mitreißenden Dinge des Lebens, die es erst lebenswert machen?
Und ich sage euch, sie wären nicht mehr da.
Warum? Weil alle Leidenschaft, so kommt es mir zumindest verdammt oft vor, aus der innersten Angst geboren wird, das zu verlieren, was man liebt oder was einem wichtig ist (großer Unterschied). Anders gesagt: Ich interessiere mich immer nur dann für etwas, wenn ich das Gefühl habe, es könnte mir unter dummen Umständen aus der Hand gleiten. Bin ich mir meiner Sache zu sicher, dann werde ich fahrig oder gleichgültig. Alles plätschert dahin. Es ist mir egal, was für eine Unterwäsche meine Freundin trägt, wenn ich genau weiß, dass sie sich ohnehin nie für den Nachbarn interessieren würde. Dann fange ich an auf der Couch zu sitzen und den Tatort mit ganz anderen, sehr viel interessierten Blicken zu schauen. Und kaum ist der dumme Abspann vorbei und Sabine Christiansen fängt an (oder wie heißt die neuerdings?), wundere ich mich noch, warum niemand darüber mäkelt, dass meine Unterhosen im Bad verstreut liegen. Dann ist sie weg. Ich bin zu gleichgültig geworden. Ich war mir zu sicher.
Wenn es Jesus tatsächlich gegeben hat, dann wage ich einmal die Prognose, dass ihm die Passion eben genau deswegen so beschissen hart vorkam, weil er genau wusste, er würde etwas verlieren. Immerhin war er ja nur ein Mensch, also musste er wohl auch an seinem Leben gehangen haben. Und das Problem kennen wir sicherlich alle irgendwie.
Also habe ich für mich selbst festgestellt, dass Eifersucht eine tolle Erfindung der Natur ist. Mein Gedankenexperiment verläuft dementsprechend im Sand. Ich sage mir, wenn ich mich um etwas bemühe, dann ist es mir wichtig. Ich will es nicht verlieren und nehme dabei all die kleinen, bösen, miesen, abgefuckten Nadelstiche gerne in Kauf, die da kommen, wenn ich an einige Dinge denke, die Du machen könntest. Ende der Durchsage.
Das Problem ist nur folgendes: Wie kriege ich die gesunde Mischung aus Sicherheit gepaart mit Eifersucht und Verlustangst hin? Hat hier irgendjemand die Patentmischung am Start? Kommt schon, die bauen einen privaten Raumtransporter, erfinden den FC Barcelona und Lionel Messi, entwickeln die Atombombe und Pläne, sie wieder abzuschaffen. Da muss doch von irgendwo ein Lichtlein … nein, falsches Lied.
In solchen Fällen gibt es kein Licht, das von irgendwo her leuchtet. Hier leuchtet gar nichts. Wenn man sich in der Eifersucht verfängt, dann steckt man halstief in der Scheiße. Und die ist bekanntlich eher dunkel.
Welche Optionen man dann noch hat, weiß ich nicht genau. Wenn man etwas wahrhaftig liebt, dann hat man den Hang dazu, es fester zu packen als man sollte. Dass das am Ende meistens in der Katastrophe endet, ignoriert man geflissentlich. Hauptsache man hat das, was ist und sich gut anfühlt für immer um sich. Und wenn man es zerquetscht? Dann fühlt sich die Nacht einsamer an als sie wahrscheinlich ist. Wie jetzt.
Und so sitze ich dumm herum, frage mich, ob ich es übertrieben habe oder ob ich am Ende einfach nur leidenschaftlich lebe. Sobald ich die Antwort gefunden habe, lasse ich es euch wissen. Je nachdem, wie es ausgeht, patentiere ich das dann einfach, schreibe einen Ratgeber und werde ganz emotionslos reich. Hat ja auch was.
Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...
2010/03/26
Wenn wir doch alle könnten, wie wir wollten ...
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