Vor drei Jahren (oder eventuell auch fünf) sagte ich einmal, es würde nicht lange dauern. Das Ganze habe ich dann gebetsmühlenartig jedes Jahr aufs Neue wiederholt, bis ich es selbst glaubte. Naja, wie sehr man sich doch irren kann. Jetzt ist jedenfalls die Zeit reif für ein paar jungfräuliche Dinge. Und damit meine ich nicht unbedingt mein Sternzeichen ...
2010/10/25
Once
Einfach nur wunderschön, wie manche andere Dinge auch. Der Text passt vielleicht nicht zu 100%, einige Stellen hingegen so dermaßen, dass ich in den Monitor kriechen und in dem Song leben möchte.
Also Schnauze halten und träumen. Ich mache es auch.
http://www.youtube.com/watch?v=dSZ6M88MTP4&feature
Das ist für Dich.
2010/10/20
A vampire or a victim, it depends on who's around
Meine Mutter meinte letztens, ich solle den Fleck an der Wand mit Tipp-Ex bekämpfen. Hilft wohl. Als ich daraufhin erwiderte, dass ich so ein Wunderzeug gar nicht mal besitze, schaute sie mich nur schockiert an und fragte, ob ich denn gedenke, das so zu lassen.
In der Tat. Bleibt so.
Warum sollte man die Dinge auch übermalen (oder korrigieren, das wird wohl der offizielle Tipp-Ex-Jargon sein, den man sich beim morgendlichen Meeting gutgelaunt bei Kaffee und Kaffee zuraunt), die einen zeichnen? Ich meine, ich lass mir ja auch nicht irgendwelche Narben weg operieren, nur weil sie aussehen, wie Miniaturausgaben von Bockwürsten auf meinem Bauch. Irgendein Held hat vor Urzeiten verlauten lassen, dass das, was uns nicht tötet, nur härter macht, oder? Und wenn das in dem Falle stimmt, dann doch wohl mindestens für meine tolle Wand, die irgendwer vor mir perfekt weiß gestrichen und die jemand noch perfekteres nun gezeichnet hat.
Wie dem auch sei. Jetzt ist es rum mit der weißen Herrlichkeit.
Wenn man genau hinschaut, dann meint man drei Finger erkennen zu können. Dort, wo die unbefleckte Leere noch vor ein paar Wochen war. Mit viel Phantasie geht das auch als Eddingkratzer durch, meinetwegen auch als Model des San Andreas Graben – mich interessiert es nicht. Ich sehe darin, was ich mag. Und das kann mir keiner nehmen. Weder Muttern, kein Tipp-Ex, nicht einmal ein plötzliches Erdbeben, das diese Bruchbude hier in ihre Bestandteile auflösen würde. Spuren löst man eben nicht einfach so auf. Die bleiben.
Und mit der Wand ist es ebenso, wie mit meinen Gefühlen. Schmier da was hin, kratze es meinetwegen rein, schieße, zerstöre, zerfetze oder brenne, was immer Dir gefällt. Solange Du es bist, die es macht und keine Maske dessen, was ich gerne sehen will. Wenn man erst einmal so weit gekommen ist, dass man nicht mehr die Lügen hören möchte, die man sich am Anfang mit Schamesröte im Gesicht auftischt, dann zählt nur noch das, was Spuren hinterlässt. So oder so.
Wer perfekt sein will, ohne Spuren, hat von Anfang an verloren. Wenn die Welt es schon nicht ist, wie soll es dann ein Mensch sein, der doch letztlich nur das Produkt aus all der Scheiße ist, die ihn umgibt? Wenn der Regen fällt, wäscht er ohnehin alles wieder weg.
Nur nicht die Spuren in meiner Wand. Das habe ich schon getestet.
Du bist ein schlechter Mensch? Feigling, Lügner, Jungfrau, Arschloch? Sei es. Lebe es aus und schreie all das mit Inbrunst hinaus in die Welt, was sie nicht hören will, ich hingegen schon. Sei das und viel weniger, tue weniger als sie erwarten und mehr als sie befürchten. Hinterlasse Spuren. Lebe. Mehr und mehr und mehr. Sei ein Mensch. Aber sei es in aller Konsequenz, bis man dich verachtet, auslacht oder meidet, denn dann liebe ich Dich.
2010/08/03
Wo ist denn jetzt der verdammte Schraubenzieher?!
Also. Neuorganisation V2.0 beginnt. Kann ja nur besser werden.
2010/04/23
Schiri, Abseits!
Bei dem letztgenannten Werbespot des Volkswagenkonzerns handelt es sich natürlich NICHT um Gerd Müller, sondern um Paul Breitner.
Zur Strafe werde ich heute keine Milch in meinen Kaffee schütten.
Die Welt zu Gast bei Dilettanten
Jetzt ist die Saison fast gelaufen und die ganze Welt schielt schon mit einem Auge nach Südafrika. Man merkt das ja sogar an der Werbung. Da gibt es schlechte Clips: Volkswagen zum Beispiel. Unfreiwillig komisch mit mies animiertem Rudi Völler, Gerd Müller und einem aus dem Grab gestiegenen Fritz Walter. Wirkt ein bisschen so, als hätte der Schülerpraktikant mal mit Final Cut spielen dürfen. Richtig grauenhaft geht es aber auch. Gewohnheitsmäßig kann man sich da auf Bitburger verlassen. Das „offizielle Bier“ der deutschen Nationalmannschaft schafft es immer wieder mit schon fast lachhaftem, massentauglichen Bierlaunenpatriotismus zu erheitern. Dass dann am Ende des Clips ausgerechnet Mario Gomez den Ball per Kopf ins Tor befördert, ist da nur die Spitze der Lächerlichkeit, abgesehen davon, dass die ganze Sache ziemlich fatal an die Werbung von 2008 erinnert. Resteverwertung? Erstaunlicherweise schafft es Coca Cola hingegen, einen durchaus stimmigen Clip zur WM über den Äther zu schicken. Eigentlich stehe ich nicht so auf den Retrostyle, aber in Kombination mit der Musik, machen die Torjubel vergangener Weltmeisterschaften (herrlich: das Eckfahnengetanze Kameruns bei der Italia 1990!) wirklich Spaß und stimmen auf das ein, was man hoffentlich im Sommer auch in Südafrika zu sehen bekommt. Nämlich Leidenschaft, Freude, einen Monat Fieber. Zumindest so lange, bis die eigene Mannschaft mit hängenden Köpfen die Heimreise antritt. Dann heißt es, willkommen Tristesse.
Eigentlich stehe ich ja nicht so auf Weltmeisterschaften. Die Idee dahinter ist genial, keine Frage. Die besten Teams der Welt messen sich einen Monat lang miteinander und am Ende steht dann der Beste der Besten. So viel in der Theorie. Die Freude wird hingegen durch einige, kleine Nadelstiche regelmäßig geschmälert. Punkt eins:
Wenn man die WM in Deutschland verfolgt, kriegt man in meinem Fall schnell Probleme. Dass sich meine Sympathie für die deutsche Elf in Grenzen hält, wissen manche, trotzdem fiebere ich natürlich mit ihnen im Verlauf des Turniers. Aber eigentlich gehört meine Treue den Three Lions, der englischen Auswahl. Das hat viele Gründe, die ein wenig müßig wären, hier aufzuzählen, deshalb belassen wir es dabei, dass ich sie unterstütze und Punkt. Wenn das Achtelfinale zufällig Deutschland – England heißen wird, weiß ich hingegen, für wen ich halte. Leider Gottes wird das hier in good old Germany wenig bis gar nicht akzeptiert. Ich erinnere mich noch an die WM 2006 und die Reaktionen auf mein rotes Auswärtstrikot mit den drei Löwen, bei denen man glatt denken konnte, ich trug das Leibchen der Al-Qaida Weltauswahl am Körper. Dumme Blicke waren da noch die harmlosesten Ereignisse. Woher diese Anfeindungen zwischen Engländern und Deutschen kommen, habe ich noch nie so ganz verstanden. Da lasse ich dann auch nicht den gerne zitierten Krieg gelten, denn den haben die meisten von uns ohnehin nicht mehr erlebt, ganz zu schweigen davon, dass einige nicht einmal genau sagen könnten, wann der überhaupt stattfand. Jesus Christus wurde doch irgendwann Ostern im achtzehnten Jahrhundert geboren, oder?
Man hat es also nicht leicht, wenn man nicht unbedingt bedingungslos für sein Heimatland hält. Macht aber trotzdem Spaß. Irgendwie. Perverserweise.
Kommen wir zum zweiten Punkt. Sobald eine Welt- oder Europameisterschaft ansteht, finden komischerweise alle Fußball-Legastheniker den Weg zum „Public Viewing“ (ich erspare mir jetzt das Geflenne, dass dieses unsägliche Wort eigentlich völlig bescheuert und unpassend ist, weil es im Englischen so viel wie „öffentliche Aufbahrung“ heißt …). Theoretisch ist daran ja nichts Falsches, ist so ein Turnier doch im besten Falle eine prima Werbung für den Fußball an sich. Es könnte alles so harmonisch sein, fast wie in der Bitburger-Werbung, wenn, ja wenn sich diese Fans nicht verhalten würden, als hätten sie den Fußball schon mit der Muttermilch aufgesaugt. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich kenne Frauen, die haben unheimlichen Spaß an solchen Turnieren und gehen wirklich mit, sobald der Ball rollt. Und das finde ich toll, richtig genial! ABER:
Dialog. So in der Art stattgefunden anno 2006.
Ich: Podolski, mach den, verflucht!
Sie: Der ist doch ohnehin doof.
Ich: Wieso?
Sie: Der ist total blöde im Kopf.
Ich: Er spielt Fußball. Was interessiert mich, wie intelligent der ist.
Sie (beleidigt): Ich find den doof.
Ich: Und wie oft hast du ihn bis heute gesehen?
Sie: Ja, bei der WM eben.
Ich: Aha.
Dann wurde das Gespräch unterbrochen. Von Lukas Podolski und dem Geschrei der Massen. Auch die besagte Dame trug ihren Teil dazu bei, den Treffer des Kölners zu bejubeln.
Der doofe Fußballer. Soll er doch mal die Abendschule besuchen.
Was ich damit sagen will: Ich hasse es, wenn Leute zur WM gehen, rummaulen, die Spieler und Teams abstempeln, weil ihnen das 1live mit recht unlustigen Comedy-Shows so vorspielen, sich aber gleichzeitig für ganz prima Fußballfans halten. Alle zwei Jahre schauen sie sich Länderspiele an, aber eigentlich könnten da auf der Leinwand auch Hunderennen flimmern, denn es geht nicht um den Fußball an sich, um die Faszination aus Siegen, Niederlagen, Kampf und Drama, um die Schönheit und Abartigkeit des Spiels, sondern um den Hype, der darum gemacht wird. Das größte Turnier der Welt mutiert zu einer Art Loveparade ohne Bass. Gepaart mit diesem Hurra-Patriotismus, den man alle zwei Jahre mal aus der Mottenkiste kramen kann, ist das für einen wirklichen Fußballfreund nicht unbedingt die Erfüllung aller Träume.
Ich kenne ganz ernsthaft Fans, die meiden solche Meisterschaften aus eben genau diesen Gründen. Okay, die finden es auch besser, mit dem FC nach Koblenz in der zweiten Liga zu gurken, statt in der Allianz Arena gegen die Bayern anzutreten, aber im Kern haben sie Recht.
Vergesst all die Bitburger-Clips, Kerners, Klopps, Gewinnspiele, öffentlichen Aufbahrungen oder Podolskis Bildungsstand und erfreut euch lieber daran, was die Jungs aus aller Herren Länder da aufs Grün zaubern. Und wenn euch einer der Spieler besonders gefällt, dann bemüht doch einfach das Internet und schaut, wo er spielt, wenn nicht gerade Volkswagen das neue Team Sondermodell vorstellt. Vielleicht ist das ja die Tür zu noch viel mehr Freude (oder Leid, je nachdem), als so eine Weltmeisterschaft jemals bieten kann.
2010/04/12
don't look back in anger
Als die Tür ins Schloss fiel, tat sie das nicht mit lautem Getöse, wie man sich das sonst so vorstellt. Es war wenn überhaupt ein vollkommen vernachlässigbares Geräusch, kaum mehr als das Klicken der Mechanik.
Er stand in der Dunkelheit des Hausflurs. Nicht weil er keine Ahnung hatte, wo sich der Lichtschalter befand (so wie der leuchtete, konnte man schwer daran vorbei schauen), sondern weil er es so wollte. Für den heimlichen Abgang brauchte er kein Licht, den Weg kannte er blind. Deshalb ging er auch ohne großes Zögern die Treppen hinunter, drehte sich nicht um, bis er die Tür des Mietshauses erreichte. Dort zog er den Gurt seiner Notebooktasche in eine andere Position, hielt inne. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, als er das kalte Metall des Griffes in der Hand spürte, aber das einzige, was er dabei dachte, war, dass es ein ganz schön beschissen leichtes Gepäck für so einen Abgang war. Und dass ihr Brief in seiner Hand um einiges schwerer wirkte als die Tasche.
Draußen trat er in die letzten kleinen Pfützen eines Frühlingsregens vom Mittag. Noch lag eine Kühle in der Luft, die mehr an Winter, denn an Sommer erinnerte, aber ihn störte das nicht. Vor einigen Tagen erst hatte er das Ende der dummen kalten Jahreszeit gerochen, selbst wenn jetzt von dieser Erinnerung kaum etwas geblieben war. Einige Dinge traten auch ohne sein Zutun in den Hintergrund.
Einen Fuß vor den anderen, das war es, was er jetzt brauchte.
Erst nach drei Schritten drehte er sich noch einmal halb um. Im rötlichen Spot einer teilnahmslosen Straßenlaterne wirkte das Haus überraschend friedlich. Kein Zeichen von all den Verletzungen, zerbrochenen Träumen und harten Landungen in der Realität. Nur Stille und rot. Und Ende. Er steckte den Brief in die Umhängetasche.
Einen Fuß vor den anderen.
Sein Weg war wahllos. Hierhin und dorthin, ohne auch nur ansatzweise so etwas wie ein Ziel am Ende der Marschierei. Irgendwann kam er an einer der unzähligen Studentenkneipen in der Innenstadt vorbei, entschied kurzfristig, genau da ein Bier zu trinken. Einfach nur, weil er es konnte und es niemanden interessierte, wie lange es werden würde, was passierte oder wie das Bier schmeckte. Gleichgültigkeit kann hin und wieder tatsächlich ein wahrer Segen sein.
Es wurden drei Bier ohne Gespräche. Die Notebooktasche eng an sich geklammert, noch immer im leichten Sakko, lehnte er an einem der Stehtische, beobachtete, ließ die Dinge geschehen. Ihn kümmerte es nicht einmal, dass er anscheinend der einzige Idiot war, der völlig alleine herumstand und trank.
Danach lief er einen Imbiss an, bestellte den Döner mit extra Tsatsiki und Zwiebeln. Es würde sich ja niemand deswegen beschweren, das Fenster aufreißen oder ihn Milch trinken lassen. Von den Blähungen ganz abgesehen. Wenn man in den Wind scheißt, ging es ihm durch den Kopf, kommt es eben nur darauf an, von wo er weht und nicht, wie das Endprodukt riecht.
Langsam machte die Nacht Feierabend. Ihn passierten zwar noch einige wenige Betrunkene und andere verlorene Seelen, aber die immer mehr zunehmende Stille gefiel ihm jede Minute besser. Irgendwann einmal hatte er festgestellt, dass es eine ganz bestimmte Zeitspanne zwischen Nacht und Morgen gibt, in der es einfach nur ruhig ist. Noch keine Vögel, meistens keine Autos, wenige Menschen. Er hatte das immer als den idealen Zeitpunkt für einen Einfall der Russen gehalten, aber nie eine eMail an den Kreml geschickt. So ist das eben mit verpassten Chancen. Nur heute nicht. Als er diesen Zeitpunkt diesmal erlebte, alleine, ohne den Druck nachhause kommen zu müssen oder den Bus zu kriegen, als er bemerkte, wie jemand einfach so auf stumm geschaltet hatte, da tat er das, was er schon damals eigentlich machen wollte:
Er setzte sich hin und hielt die Schnauze.
Genau neben die Straße, angelehnt an das Bushaltestellenhäuschen, nicht weit von einem erstaunlichen Haufen Erbrochenem entfernt. Ihn kümmerte es nicht. Weder die Kälte an seinem Hintern, noch der Gestank neben ihm. Es war ihm egal, ob zufällig vorbei kommende Leute ihn für einen Penner hielten oder er sich lächerlich machte. Für ihn ging es nicht um Außenwirkung oder irgendwem zu gefallen (Bezüglicherweise: nicht zu gefallen), sondern nur darum, den Moment nicht noch einmal zu verpassen. Das hatte er nur allzu oft getan. Diesmal nicht.
Es brachte ihm letztlich keine neue Weisheit. Kein Geistesblitz, keine Ideen, die unbedingt umgesetzt werden mussten. Lediglich eine nicht verpasste Chance zur Abwechslung.
Obwohl …
Der Weg zum Bahnhof war nicht sonderlich weit. Er war ihn oft gegangen, um Orte zu besuchen, die ihm die Illusion gaben, er würde Neues entdecken, dabei hatte er sich immer in förmlicher Spuckreichweite zu seinem angeblichen Zuhause befunden. Ständig diese Besuche in Städten, ohne wirklich etwas mitgenommen zu haben. Tagestouren. Eine Verschwendung in seinem Fall. Er war nie wirklich bereit gewesen, irgendetwas mitzunehmen, das über schlechte Laune, verworrene Hoffnungen und eine leichtere Brieftasche hinausgingen. Eine wirkliche Erklärung hatte er nicht dafür. Eventuell war er ja nie wirklich frei gewesen, zumindest vom Kopf her, oder ihn hatte das Erwachsenwerden erst jetzt durch einen dummen Zufall mitten ins Gesicht getroffen, als er die Tür hinter sich zugezogen hatte. Er war bisher wie ein Kind gewesen, das man mit zu vielen Eindrücken überschüttete und gleichzeitig darauf hoffte, es würde etwas bringen. Damit war jetzt Schluss. Er wusste es.
Und Ende.
Er hatte die Schnauze von den Fragen voll. Er wollte sie nicht mehr stellen. Er wollte auch nicht mehr auf die Antworten hoffen, die ohnehin nie kamen, weil er blind und taub durch die Welt irrte. Es ging gar nicht mehr um Fragen und Antworten.
Das MacBook in seiner Tasche wurde durch zwei Unterhosen und ein Shirt ziemlich gut gepolstert, das Buch und seine Zahnbürste durch Socken ebenso. Er hatte keinen Schimmer, wie lange er mit diesen wenigen Sachen klar kommen würde, aber das war ein Problem, mit dem er sich auseinander setzen konnte, wenn es soweit wäre. Wie er ja festgestellt hatte, passierten manche Dinge auch ohne sein Zutun.
Am Bahnhof hob er in den ersten grauen Schleiern des Tages einen kläglichen Rest Geld von seinem Konto ab. Nicht unbedingt genug, um damit große Schritte zu tun, aber für ein paar sollte es reichen. Keine Fragen mehr.
Nicht einmal, warum Sie ohne jeden Groll in seinem Kopf war, als der Zug Richtung Paris einrollte und er mit einem einfachen Fahrschein einstieg. Einen Fuß vor den anderen.
Er ging nicht alleine. Vielleicht würde er irgendwann einen Brief schreiben.
2010/04/06
Spottschau
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, über die Schmach gegen Berlin zu schreiben, dann aber gewann der Hinterhalt an Karfreitag in Afghanistan, bei dem drei Fallschirmjäger der Bundeswehr fielen, den Wettstreit für das nächste Thema. Ich will nicht anfangen, beide Ereignisse miteinander zu vergleichen, denn (da muss ich dem großen Bill Shankly widersprechen, auch wenn es mir in der Seele weh tut, manchmal sind andere Dinge nämlich sehr viel ernster als Spiele, in denen es um Leben und Tod geht) wenn junge Männer in dem Dreckloch da drüben draufgehen, ist das um einiges bedeutender, erschütternder und trauriger als jede Niederlage, die sich der FC wie sooft selbst zufügen könnte. Dabei bin ich in der Hinsicht ein übler Realist (kommt nicht oft vor):
In Afghanistan herrscht Krieg, unsere Jungs und Mädels sind Teil davon und da kommt es nun einmal vor, dass Soldaten sterben. Das ist seit Menschengedenken so, auch wenn findige Politiker in unseren Tagen auf die Idee kommen, eine Unterteilung zwischen Krieg, Krisengebiet, humanitären Aufträgen und was weiß ich nicht zu ziehen. Letztlich ist das alles nur dummes Gewäsch, das man einer Öffentlichkeit verkaufen will, die die letzten Jahrzehnte von Leuten erzogen (indoktriniert?) wurden, die zwar lauthals „nie wieder Krieg“ schreien können, aber ansonsten noch keine andere Weisheit fanden. Man setzt sich ungern damit auseinander, was in Afghanistan passiert. Zumindest in der Mitte der Gesellschaft. Der linke und rechte Rand hat da anscheinend keine großen Probleme mit, wobei es immer wieder verwunderlich ist, wie ähnlich das Gekreische der PDS (ups, LINKE) und der NPD klingt. ABZIEHEN wird da gerufen, was danach kommt, ist ja erstmal wurscht. Das nenne ich mal eine wirklich „gelungene“ politische Koalition über alle Grenzen hinweg. Wäre das Thema nicht so ernst, ich könnte mich glatt drüber amüsieren.
Ich sagte, man setzt nicht gerne mit Afghanistan auseinander, dabei stimmt das nicht ganz. ÜBER Afghanistan und den Einsatz wird gerne und oft berichtet, manchmal mit erschreckenden Qualitätsunterschieden. Es ist müßig, jetzt eine Beurteilung der medialen Berichterstattung anzufangen, deswegen spare ich mir das direkt. Ruft man sich allerdings rückblickend die Ereignisse des letzten Septembers vor Augen, als Oberst Klein einen Luftschlag auf entführte Tanklaster in der Nähe von Kundus anforderte, kann man leicht glauben, er hätte das nicht in einem Kriegsgebiet, sondern irgendwo in Niederbayern getan, mit solch einer staunenden, unerwarteten Reaktion wurde man hier überhäuft. Mir kam es damals oft so vor, als sei gar nicht die Frage von Bedeutung, wen man da angegriffen hat, sondern, dass man es überhaupt tat. Frei nach dem Motto, was erdreistet sich das Militär, jemanden zu töten. Wie konnte das passieren? Wer ist schuld?
Natürlich soll man so einen Einsatz kritisch hinterfragen (und es steht außer Frage, dass bei dem Luftangriff einige viele Menschen ihr Leben verloren), aber in so einem Falle leisten die leiseren Töne vielleicht den besseren Dienst. Die aber kamen von der Presse kaum bis gar nicht. Und so hat die deutsche Öffentlichkeit es geschluckt, Oberst Klein ist medial überfahren worden. Wen interessiert es da noch, dass man eine genaue Unterscheidung zwischen Zivilisten (Bärte), Insurgents (manchmal noch längere Bärte) und Taliban (Bärte plus Sturmgewehr) nur schwer fällen kann, dass das große Problem da unten eben darin besteht, keinen eindeutigen Feind zu haben, der in den frühen Morgenstunden aus dem Osten eingefallen ist. In Afghanistan wird gerne gewunken, wenn man vorbei fährt. Das Problem daran ist nur, dass man nie genau weiß, wer weiter winkt und wer eine Sprengfalle auslöst, sobald man in ihm Rücken hat. Auf so etwas bereitet einen niemand vor.
Man könnte leicht annehmen, ich sei ebenfalls für einen Abzug aus Afghanistan (in das uns bekanntlich ja nur der böse Ami gebracht hat, das imperialistische Schwein!), weil unsere Truppen anscheinend überfordert und nicht für den Einsatz geeignet sind. Vielleicht wäre es sogar das Beste, ja. Vielleicht haben wir da unten tatsächlich nichts verloren und sollten unsere Todesfälle innerhalb der Truppe lieber wieder den Panzerfahrschulen oder Rekruten bei der Schießausbildung überlassen. Vielleicht sollten wir Afghanistan den Afghanen überlassen und aus der Distanz zuschauen, was passiert. Wen interessiert es schon, ob in diesem Loch Frauen gesteinigt, Menschen verfolgt und getötet werden, wenn doch am Samstagnachmittag Schalke gegen Bayern spielt und das Bier im Kühlschrank vor sich hin friert. Vielleicht sollten wir Nazinachkommen tatsächlich keinen Krieg führen (oder daran teilnehmen), weil wir bestimmt irgendein obskures Mördergen in uns haben und anderen Ländern die Drecksarbeit überlassen.
Aber vielleicht, auch nur vielleicht, wären wir gut beraten, einmal denen Gehör zu schenken, die das Ganze ausbaden müssen. Den Männern und Frauen der Streitkräfte, die über Monate von denen und dem getrennt sind, was ihnen lieb und teuer ist. Die jeden Tag rausgehen, ohne auch nur den Hauch einer größeren Akzeptanz zuhause im Rücken, dafür aber mit eventuellen juristischen Konsequenzen, wenn sie so dumm sind, auf jemanden zu schießen und einer Gruppierung von gehirnamputierten Spinnern, die laut eigener Aussage jeden gefallenen deutschen Soldaten mit Schampus am Ehrenmal der Bundeswehr begießen wollen (glaubt ihr nicht? Ich auch nicht. Leider sieht die Realität so aus: www.bamm.de).
Den Soldaten hört komischerweise kaum jemand zu, wenn die meisten von ihnen sagen, wir wollen eben nicht abziehen, sondern den Job zu ende bringen. VIELLEICHT wäre es schlau, zur Abwechslung einmal denen zu zuhören, die vor Ort sind, egal wie man zu dem Einsatz als solchem steht. VIELLEICHT ist es eben genau jetzt an der Zeit, nicht auf alles zu scheißen, was sich nicht innerhalb unserer Grenzen abspielt. Die sind heutzutage nämlich nur noch für den Atlas in der Schule gut.
Man mag es kaum glauben, aber die da unten schauen auch die Sportschau am Samstag, selbst wenn das Bier reglementiert ist. Sie sind wir. Nur leider die meisten von uns nicht sie.
2010/03/27
"You ...
Gute Nacht, Restwelt. Oder das, was noch übrig geblieben ist, während der Rest unter lautem Getöse um mich herum zusammen brach. Fuerteventura ist ganz schön nah. Oder mindestens doch der Flughafen Hannover. Frei nach dem Motto: Erst nach der Katastrophe können wir alles neu aufbauen.
http://www.youtube.com/watch?v=jZsHNkAJBDU
Wir lesen uns morgen wieder. Die Nacht hat ein ganz anderes Gesicht gerade. Bitter-süß.
2010/03/26
Vom Baum hüpfende Küken in der anbrechenden Nacht
Die Nacht beginnt. Es ist eine von vielen. Selbst wenn ich mich anstrenge, kriege ich die Anzahl der bisherigen Nächte nicht einmal ansatzweise zusammen gerechnet. Wen interessiert es überhaupt? Jede Nacht ist ein neuer Anfang, bringt es dann also was, wenn man sie addiert und sich fragt, wie oft man von vorne begonnen hat? Sinnlos. Die Dinge erneuern sich auch ohne unser Zutun, dafür hat die Welt (oder wer auch immer) schon gesorgt.
Erneuerung.
Absolution.
Für Dich oder mich?
Draußen zieht das Leben seine Bahnen, Lieben entstehen und zerbrechen in einem einzigen Brei aus Emotionen, dem ersten Hauch des Frühlings und der Gewissheit, dass alles einen Sinn macht, selbst wenn man ihn nicht findet. Es muss ja so etwas wie den großen Plan geben, den jemand in der Hinterhand hält, um uns damit eines Tages ganz miese zu überraschen. Zumindest hoffe ich das.
Ich stelle mir vor, was jetzt in den vielen einzelnen, ganz persönlichen Universen passiert, die da draußen in der Welt vor sich hin toben. Es bleibt beim Versuch, das Ganze zu erfassen und es in Bilder zu packen, damit ich mir sicher bin, dass ich nicht alleine bin mit all den Empfindungen, Hoffnungen und Ängsten. Man könnte annehmen, dass bei so vielen Kosmen doch irgendwo ein Urknall zu finden sei, aber sonderbarerweise erübrigt sich das gerade.
Jeden Tag springt ein Küken vom Baum und beginnt ein neues Leben. Irgendwo in der Welt, andauernd. Das ist zumindest der Anfang vom großen Plan.
Ich warte einfach drauf. Irgendwo knallt es immer (der Nahe Osten könnte uns da echt ein Lied von singen), wieso also nicht in meinem Universum. Eines fernen, schönen Tages … ja, ja. Und solange es noch nicht soweit ist, lasse ich mich einfach von der Nacht mittragen. Ihr kann man nicht entkommen, diesem alles umfassenden Zustand, der Menschen einander näher bringt und zugleich auseinander reißt. Die Nacht ist einfach und schert sich einen Scheiß um den Rest. Ein beruhigender Gedanke. Alles macht einen Sinn. Aber bitte schickt mir den großen, ganzen Plan bitte als pdf. Da der nämlich ganz bestimmt unverschämt lang ausfällt, liest es sich so sehr viel einfacher.
Tom Rensing ...?
Glaubt man den einschlägigen Internetforen, Revolverblättchen und anderen Hellsehern, dann werkelt der FC an einem Nachfolger für unseren Dinosaurier im Tor Faryd Mondragón. Das ist jetzt nicht unbedingt überraschend, immerhin ist der Gute mittlerweile achtunddreißig und das ist selbst für einen Torwart recht biblisch.
Viel überraschender sind die Reaktionen auf die gehandelten Namen. Ein Tom Starke vom MSV Duisburg würde recht gerne als Neuzugang gesehen werden, wohingegen der Herr Rensing das personifizierte Unglück ist.
Hallo?!
Rensing mag ja in der Vergangenheit manchmal nicht besonders gut ausgesehen haben, aber woher diese stellenweise fast schon fanatische Ablehnung kommt, kann ich mir nicht erklären. Man nenne mir einen fehlerfreien Torwart oder eben einen, auf den derzeit so geprügelt wird, wie auf den armen Kahn-Erben a.D.
Mein Rat an Rensing: Geh nach England. Such dir einen kleinen Premier League-Club, genieße die Atmosphäre und sei Dir vor allem gewiss, dass du da bestimmt nicht negativ auffällst. Das liegt aber nicht daran, dass in England schlechtere Torhüter unter Vertrag stehen (was man hierzulande ja gerne behauptet). Nein, liebe Freunde. Das liegt daran, dass die da drüben anscheinend nicht so fanatisch jeden Fehler aufbauschen, den man als Keeper mal fabriziert. Abgesehen von irgendwelchen Aussetzern in Qualifikationsspielen für europäische Wettbewerbe ...
Wir beim FC behalten einfach unseren Mondragón und holen Ron-Robert Zieler von ManUniteds Reserve zurück. Der ist U20-Nationalspieler, kommt aus unserer Jugendabteilung und wäre einem Wechsel zurück an den Rhein laut Interview nicht abgeneigt.
Also?
Nagel auf den Kopp
Dieses Jahr werde ich dreißig. Wenn man das so trocken stehen lässt, hat das wirklich was Beängstigendes, klingt nach Torschlusspanik und dem Ende aller Unschuld. Letztens saßen wir in einer Männerrunde zusammen, in der fast alle diese magische Zahl schon überschritten haben, nur ich nicht. Recht bald kam das Gesprächsthema dann eben auf das Alter der Alpha-Tierchen, was dem allgemeinen Tonfall doch irgendwie etwas Depressives verpasste. Als ich mir das anhörte, musste ich echt annehmen, dass am 11. September 2010 der Sommer per Gesetz abgeschafft werden würde. Nichts brächte mehr Spaß, zuhause wartete die mürrische Olle, den erotischen Höhepunkt gäbe es nur noch im Stripschuppen.
Um ehrlich zu sein, wurde mir ein klein wenig Ungut zu Mute. Ich begann auf meinem Platz hin und her zu rutschen und mich an einen anderen Ort zu wünschen. Natürlich war das Schwachsinn, immerhin habe ich keine langweilige Frau, die auf mich zuhause wartet und besonders alt fühle ich mich auch nicht. Trotzdem fiel mir da ganz schleichend etwas anderes ein …
Als ich noch jung und knackig war (seht ihr, ich fange auch schon so an!), spielte ich Fußball und das sogar recht gut und erfolgreich. Es kam zu Auswahlspielen, einem Probetraining bei einem größeren Club und den ersten Überlegungen meines Vaters, dass der Jüngste eventuell mal damit Geld verdienen könnte. Im letzten Eintrag hier sagte ich ja schon, dass ich die Dinge schleifen lasse, wenn ich mir zu sicher bin und genau das trat ein. Fußball wurde langweilig für mich, ich ließ es links liegen, bis ich irgendwann ganz aufhörte. Rückblickend keine gute Idee, aber nicht mehr zu ändern. Aber HÄTTE ich und WÄRE es gut gelaufen …
Gott verdammt noch mal, meine Karriere wäre zu diesem Zeitpunkt fast vorbei!
Wenn ich da zu lange drüber nachdenke, dann sehe ich ständig Mehmet Scholl vor mir, mit seinen wenigeren Haaren und den deutlicheren Falten, der den Platz im Mittelfeld gegen den im Fernsehen tauschte. Klar, Scholli ist ein bisschen älter, aber ich wäre nicht mehr weit davon weg genauso zu enden. Ein Lebensabschnitt vorbei, der andere beginnt. Das Tolle daran wäre ja, dass ich Kohle bis zum Abwinken hätte! Blackjack & Nutten für alle! Golfspielen mit dem Kaiser und Boris Becker auf irgendeiner blöden Party anpöbeln. Es wäre also der Himmel vorgezogen. Und das alles noch mit über dreißig. Worüber beschweren sich meine Kumpels eigentlich? Wo besteht der genaue Unterschied zwischen einem Vollrausch mit zwanzig und einem mit fünfunddreißig, abgesehen davon, dass der letztere ein wenig länger in den Knochen hängen bleibt? Eben. Es gibt keinen.
Deswegen lasse ich meinen Geburtstag einfach auf mich zukommen. Statistisch gesehen kann es ja auch nur besser werden als bisher. Aber irgendwie frage ich mich, wie alt der gute Mehmet war, als er seine große persönliche Krise erlebte und ob ich sie dementsprechend noch vor oder hinter mir habe. Ist das eine Frage des Alters oder des Berufes? Hm. Mal schauen, ob ich seine Telefonnummer herausfinde.
Newsflash
Und ganz nebenbei hat sich Kevin Pezzoni beim Training verletzt. Subtotaler Innenbandabriss. Klingt kompliziert, klingt schmerzhaft. Scheiße. Einer weniger, der gegen Hannover bereit ist.
FC-Fan sein heißt eben die meiste Zeit der Saison zu leiden. Deshalb leiden wir mit dir, Kevin. Alles Gute von dieser Stelle aus.
Wenn wir doch alle könnten, wie wir wollten ...
Gedankenexperiment:
Nehmen wir an, es gäbe keine Eifersucht. Und nehmen wir gleichzeitig an, Verlustängste oder Besitzansprüche gehörten der Vergangenheit an. Alle würden die Dinge einfach geschehen lassen (Tyler Durden würde es ‚let the chips fall where they are’ nennen). Keine Eheszenen mehr, weil eine Telefonnummer auf der Rechnung erscheint, die die Frau nicht kennt, keine Prügeleien mehr in Clubs, weil zu eng getanzt wurde. Niemand würde mehr zum Alkoholiker mutieren, wenn er seine Partnerin im Bett mit einem anderen Mann erwischte, weil der Skatclub wegen Krankheitsfällen ausfiel und die nüchterne Heimkehr zu früh ausfiel. Und spinnen wir die Sache noch weiter – Putin würde sich nicht mehr daran erinnern, wo Süd-Ossetien überhaupt liegt, keine Taliban, keine Bombardements von irgendwas. Wir würden gelassen durch die Welt tänzeln und die Linken wären arbeitslos, weil niemand mehr dem anderen die zweihundert Flocken mehr im Monat neidet. Wäre das nicht eine bessere Welt?
Ich frage mich, wie der Tagesablauf des durchschnittlichen Mittzwanzigers dann aussähe. Morgens raus, ab unter die Dusche und rein in die Klamotten. Zur Arbeit (oder eben nicht. Uni, Praktikum, tauscht es aus), arbeiten, arbeiten, arbeiten. Denken, ja, aber nur zielgerichtet, kein Abschweifen mehr. Nach Feierabend geht es zurück nachhause. Es gibt Essen, die Tagesschau, ein Feierabendbier. Routinesex. Kinder, Cord-Jacket, Haus, Hund, die schlimme Kurzhaarfrisur der frischgebackenen Mama … alles nimmt seinen Lauf.
Moment! werden die meisten schreien. Da fehlen aber noch ein paar Dinge, junger Mann! Was ist mit Parties, dem ersten mühevollen Werben um die große Unbekannte, das Blumenbesorgen, obwohl man nur mithilfe eines Pflanzenbestimmungsbuches den Unterschied zwischen Rose und Nelke erkennt? Der erste Kuss, so zart und neu, dass man Angst hat zu versagen und als Idiot dazustehen, der das Küssen erst auf der Uni gelernt hat (die man erst seit zwei Wochen besucht, womit sich die Kenntnisse dann arg in Grenzen halten). Gemeinsame Pläne, leidenschaftlich geschmiedet und meistens später sowieso an die Wand gefahren. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich die zitternden Hände am Schwangerschaftstest vergesse, kurz bevor sich entscheidet, ob Abby ein Wunschtraum bleibt oder teure Realität wird. Schreit es heraus: Wo bleiben all die emotionalen, mitreißenden Dinge des Lebens, die es erst lebenswert machen?
Und ich sage euch, sie wären nicht mehr da.
Warum? Weil alle Leidenschaft, so kommt es mir zumindest verdammt oft vor, aus der innersten Angst geboren wird, das zu verlieren, was man liebt oder was einem wichtig ist (großer Unterschied). Anders gesagt: Ich interessiere mich immer nur dann für etwas, wenn ich das Gefühl habe, es könnte mir unter dummen Umständen aus der Hand gleiten. Bin ich mir meiner Sache zu sicher, dann werde ich fahrig oder gleichgültig. Alles plätschert dahin. Es ist mir egal, was für eine Unterwäsche meine Freundin trägt, wenn ich genau weiß, dass sie sich ohnehin nie für den Nachbarn interessieren würde. Dann fange ich an auf der Couch zu sitzen und den Tatort mit ganz anderen, sehr viel interessierten Blicken zu schauen. Und kaum ist der dumme Abspann vorbei und Sabine Christiansen fängt an (oder wie heißt die neuerdings?), wundere ich mich noch, warum niemand darüber mäkelt, dass meine Unterhosen im Bad verstreut liegen. Dann ist sie weg. Ich bin zu gleichgültig geworden. Ich war mir zu sicher.
Wenn es Jesus tatsächlich gegeben hat, dann wage ich einmal die Prognose, dass ihm die Passion eben genau deswegen so beschissen hart vorkam, weil er genau wusste, er würde etwas verlieren. Immerhin war er ja nur ein Mensch, also musste er wohl auch an seinem Leben gehangen haben. Und das Problem kennen wir sicherlich alle irgendwie.
Also habe ich für mich selbst festgestellt, dass Eifersucht eine tolle Erfindung der Natur ist. Mein Gedankenexperiment verläuft dementsprechend im Sand. Ich sage mir, wenn ich mich um etwas bemühe, dann ist es mir wichtig. Ich will es nicht verlieren und nehme dabei all die kleinen, bösen, miesen, abgefuckten Nadelstiche gerne in Kauf, die da kommen, wenn ich an einige Dinge denke, die Du machen könntest. Ende der Durchsage.
Das Problem ist nur folgendes: Wie kriege ich die gesunde Mischung aus Sicherheit gepaart mit Eifersucht und Verlustangst hin? Hat hier irgendjemand die Patentmischung am Start? Kommt schon, die bauen einen privaten Raumtransporter, erfinden den FC Barcelona und Lionel Messi, entwickeln die Atombombe und Pläne, sie wieder abzuschaffen. Da muss doch von irgendwo ein Lichtlein … nein, falsches Lied.
In solchen Fällen gibt es kein Licht, das von irgendwo her leuchtet. Hier leuchtet gar nichts. Wenn man sich in der Eifersucht verfängt, dann steckt man halstief in der Scheiße. Und die ist bekanntlich eher dunkel.
Welche Optionen man dann noch hat, weiß ich nicht genau. Wenn man etwas wahrhaftig liebt, dann hat man den Hang dazu, es fester zu packen als man sollte. Dass das am Ende meistens in der Katastrophe endet, ignoriert man geflissentlich. Hauptsache man hat das, was ist und sich gut anfühlt für immer um sich. Und wenn man es zerquetscht? Dann fühlt sich die Nacht einsamer an als sie wahrscheinlich ist. Wie jetzt.
Und so sitze ich dumm herum, frage mich, ob ich es übertrieben habe oder ob ich am Ende einfach nur leidenschaftlich lebe. Sobald ich die Antwort gefunden habe, lasse ich es euch wissen. Je nachdem, wie es ausgeht, patentiere ich das dann einfach, schreibe einen Ratgeber und werde ganz emotionslos reich. Hat ja auch was.
2010/03/24
Ab in die Qualifikationsphase
Ich weiß ja nicht, ob das Wort Re-Relaunch überhaupt existiert, aber es passt in dem Zusammenhang eigentlich ganz gut. Nach dem ersten und zweiten Versuch folgt dann nun hier der dritte. Hoffentlich mit einem etwas kontinuierlicherem Erfolg, was jedoch letztlich nur an mir selbst liegt.
Es geht also ums Geschriebene ohne jede genretechnischen Grenzen. Worüber ich dann tippen werde, lässt sich am ehesten mit einer Wundertüte vergleichen. Unsinn, Ernsthaftes, Liebe, Fußball (also Liebe), Hass (also Fußball), medialem Erbrochenen, Musik – kurzum: Ich werde abhandeln, was mich bewegt, interessiert oder eben nicht. Ich werde damit bestimmt nicht immer den Geschmack der meisten Leute treffen, aber darauf habe ich ja ohnehin noch nie besonders viel gegeben.
Wer sich also angesprochen fühlt, den lade ich ein, regelmäßig vorbei zu schauen, zu lesen (ja, es wird etwas geben, Kinder), zu kommentieren (hier herrscht natürlich willkürliche Zensur) und einfach nur ein wenig unterhalten zu werden.
Ich hoffe, ihr helft mir nach und nach dabei, jungfräuliche Ecken in eurem und meinem Hirn mit allerhand Input zu füttern. Um nichts anderes geht es nämlich. Ein Geben und Nehmen, meine Damen und Herren. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingen wird.
Ach ja. Bayern führt gegen Schalke in der Verlängerung des DFB-Pokalhalbfinals. Und nein, ich fange jetzt nicht an darüber zu jammern, dass ein Zweitligist meinen FC eine Runde vorher rausgeschmissen hat. Man lernt irgendwann stumm zu leiden.
Also bis bald!
-Lars